Autor

Andreas Gruber

Über den Autor

Andreas Gruber, geboren 1968 in Wien, studierte an der dortigen Wirtschaftsuniversität und lebt als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Grillenberg, Niederösterreich. Er hat bereits mehrere erfolgreiche und preisgekrönte Erzählungen und Romane verfasst. Die aktuelle Reihe um den knallharten, aber brillanten Ermittler Maarten S. Sneijder schockiert und fasziniert seine Fans gleichermaßen. Nach „Todesfrist“ und „Todesurteil“ erscheint am 15. August 2016 „Todesmärchen“, der dritte Band der Reihe. Neben der „Todes-Reihe“ um Maarten S. Sneijder erscheint im Goldmann Verlag unter anderem auch die „Rache-Reihe“ um den asthmakranken Leipziger Ermittler Walter Pulaski.

„Schriftstellerei bedeutet für mich, dass ich interessante Figuren erfinden darf, ohne in der Psychiatrie zu landen – und Menschen auf originelle Weise ermorden kann, ohne im Gefängnis zu landen. Aber sonst bin ich ein netter Kerl“, so der Autor Andreas Gruber.

Andreas Gruber begann 1996 mit dem Schreiben und war 1999 mit einer Kurzgeschichte Preisträger des NÖ Donaufestivals. Mittlerweile sind seine Kurzgeschichten in über hundert Anthologien erschienen, liegen als Hörspiel vor oder wurden als Theaterstücke adaptiert. Seine Romane wurden bisher als Übersetzungen in Frankreich, Italien, der Türkei, Brasilien, Japan und Korea veröffentlicht. Der Autor wurde bereits für den Friedrich Glauser Krimi-Preis und zweimal für den Leo Perutz Krimi-Preis der Stadt Wien nominiert. Außerdem ist er Preisträger der Herzogenrather Handschelle und mehrfacher Gewinner des Vincent Preises und des Deutschen Phantastik Preises.

In seiner Freizeit gibt Andreas Gruber Schreibworkshops, ist begeisterter Kinogeher, reist viel mit seiner Frau, spielt leidenschaftlich gern Schlagzeug und wartet bis heute vergebens auf einen Anruf der Rolling Stones.

Interviews

Todesmärchen - Andreas Gruber im Interview

Er schreibt harte und humorvolle Spannung: Andreas Gruber entwickelt komplexe Thriller um Serienmorde und lässt mit Maarten S. Sneijder einen kantigen Helden ermitteln. Jetzt ist mit »Todesmärchen« sein dritter Fall und Grubers zehnter Roman zu lesen.

„Sneijder ist ein zynischer Mistkerl, macht aber Spaß“

»Todesmärchen« dreht sich um einen Serienmörder, der sich von Hans Christian Andersens »kleiner Meerjungfrau« oder dem »Mädchen mit den Schwefelhölzern« anregen lässt. Da ist viel Grausamkeit und Melancholie – muss man sich um Sie Sorgen machen?
Nein – ich führe ein entspanntes Leben auf dem Land, das eigentlich in humorvolle Regional-Krimis münden könnte. Nur ist mir das nicht aufregend genug. Als Leser und als Autor bevorzuge ich härtere Kost.

»Todesmärchen« ist härtere Kost, spannend und grausam: Ihr Mörder ritzt unter anderem einem Mann die Haut auf, rührt Brandbeschleuniger hinein und zündet ihn an.
Ich erwähne zwar Grausamkeiten, beschreibe sie aber nicht. Meine Vorbilder sind nicht Splatter, sondern Psychothriller wie »Das Schweigen der Lämmer«: Der Schrecken entsteht vor allem im Kopf des Lesers oder Zuschauers. Ich will Spannung aufbauen, indem ich einem intelligenten Täter auf der Spur bin, und will dabei möglichst komplexe Rätsel lösen. Deshalb habe ich über Serienmorde geschrieben: Eine Reihe unterschiedlicher, aber zusammenhängender Fälle führt in die Vergangenheit zurück, und wie in einem Puzzle fügt sich Stück für Stück zusammen.

Ihr Profiler Maarten S. Sneijder ist nicht gerade der liebenswürdige Ermittlertyp. Mögen Sie ihn?
Man kann das schon beim Namen nennen: Er ist ein zynischer Mistkerl. Sneijder ist von sich selbst so eingenommen, dass er alle anderen für unfähige Dilettanten hält und jeden vor den Kopf stößt. Das ist natürlich wenig sympathisch. Seine schroffen Bemerkungen und Marotten sind aber meine Art, mit Humor den grausamen Verbrechen die Schärfe zu nehmen, und ich muss oft selbst über das lachen, was Sneijder sagt. Das macht ihn zu einer Figur, mit der ich sehr gern Zeit verbringe.

Wen sehen Sie, wenn Sie über ihn schreiben?
Eine hagere Gestalt im Designer-Anzug mit langen Armen. Sneijder hat eine Glatze und dünne schwarze Koteletten, ist egozentrisch und leidet unter Cluster-Kopfschmerzen, die er selbst akupunktiert. Er ist schwul, raucht Marihuana und klaut Bücher in den Filialen einer Buchhandelskette. Das ist sein Rachefeldzug gegen das Unternehmen, das seinen Vater in den Konkurs und letztlich in den Selbstmord getrieben hat.

Wie sind Sie auf Sneijder gekommen?
Ich wollte einen unangepassten, außergewöhnlichen Helden erfinden und habe wild herumfantasiert, ohne jede Form von Selbstzensur – er sollte Spaß machen und interessant sein. Ich wollte nicht, dass er wie ich Österreicher ist, aber auch nicht Deutscher, so wurde er Holländer. Den Namen habe ich über mein Fußball-Panini-Stickeralbum gefunden, als ich mir die niederländische Nationalmannschaft angeschaut habe. Da gibt es einen Wesley Sneijder, einen tollen Spieler. Nach ihm habe ich meinen Ermittler benannt.

Wie viel von Andreas Gruber ist in Maarten S. Sneijder?
Ich bin nicht schwul, klaue keine Bücher, habe keine Cluster-Kopfschmerzen und rauche nicht Marihuana. Aber in Sneijders zynischen Bemerkungen ist viel von mir. Ich mache solche Bemerkungen selbst nur in launigen Runden, um jemanden hochzunehmen oder zu veräppeln. Aber ich würde gern tatsächlich mal so in Situationen reden, in denen mir etwas gegen den Strich geht.

Tüfteln an Mordmethoden

Sneijder ist erfolgreich durch seine Methode des visionären Sehens: Er denkt sich in einen Mörder hinein und erweitert dabei seinen Horizont durch Marihuana. Dahinter steckt natürlich der Autor – wie gelingt es Ihnen, Ihren Romanfiguren nahezukommen, sie und ihre Motive zu entwickeln?
Ich lese viel über Verbrechen, Profiling und Psychologie und bespreche meine Ideen mit Therapeutinnen. Was kann zum Beispiel hinter Gewalt- und Rachefantasien stehen? Wie reagiert ein Kind, das entführt wurde, nach einem Jahr entkommen kann und dann erfährt, dass seine Mutter gestorben ist? Oder auch, wie reagiert eine Mutter, die ihr Kind verloren hat? Aus diesen Gesprächen hat sich eine intensive Zusammenarbeit ergeben: Zwei Therapeutinnen, die mich beraten, gehören inzwischen zu meinen Testlesern.

Sprechen Sie auch mit Ermittlern?
Das hat sich ebenfalls sehr gut entwickelt. Anfangs hatte ich Sorge, auf eine Wand des Schweigens zu stoßen, wenn ich mich als Autor zu erkennen gebe, der für einen Roman recherchiert. Für Journalisten und Sachbuchautoren ist es oft auch schwierig, aber nicht, wenn es um fiktive Geschichten geht. Ich habe sehr offene Gesprächspartner gefunden, in der Rechtsmedizin in Bern oder beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, für das Sneijder in meinen Thrillern arbeitet. Dort durfte ich auch eine Woche hospitieren.

Worüber tauschen Sie sich aus?
Die Experten wollen wissen, wie meine Bücher entstehen. Ich erzähle ihnen von meiner Arbeit, und sie beraten mich bei allem, was in ihr Fachgebiet fällt. Ich tüftle auch gemeinsam mit befreundeten Ärzten Mordmethoden aus. Wie in »Todesfrist«: Hier mauert der Mörder eine Frau so eng ein, dass sie sich nicht rühren kann. Meine Frage an den Arzt war, wie der Täter es anstellen muss, damit sie dort mehrere Monate überleben kann.

Wie kommen Sie auf Ihre Ideen – lassen Sie sich von wahren Verbrechen anregen?
Aus der Realität nehme ich in der Regel nur Details, die Fälle entspringen meiner Fantasie. Ideen habe ich oft beim Walken im Wald. Oder im Urlaub, wenn ich entspannt am Strand liege, dann sprudeln die Einfälle geradezu.

Neben den Thrillern um Maarten S. Sneijder und seine Partnerin Sabine Nemez schreiben Sie zwei weitere Krimiserien: eine um den Wiener Privatdetektiv Peter Hogart, eine zweite um den Leipziger Polizeiermittler Walter Pulaski und die Wiener Anwältin Evelyn Meyers. Wie teilen Sie die Ideen unter Ihren Helden auf?
Der Stoff, den ich für einen Thriller aufgreife, muss zur Struktur der jeweiligen Serie passen. Wenn jemand auftreten kann, der inoffiziell ermittelt, ist es natürlich etwas für Privatdetektiv Hogart. Wenn eine Anwältin gebraucht wird, ist es etwas für Pulaski und Meyers. Die Serienkiller-Ideen haben zuletzt Sneijder und seine Partnerin bekommen. Der vierte Sneijder-Fall wird allerdings in eine etwas andere Richtung gehen.

Heavy Metal nach der Arbeit

Wo entstehen Ihre Thriller?
Ich schreibe Zuhause in Grillenberg, einem kleinen Ort rund 30 Kilometer südlich von Wien. Hier wohne ich mit meiner Frau sehr abgeschieden in einer Sackgasse. In meinem Arbeitszimmer schreibe ich Exposés und erledige Büroarbeit. Das ist ein großer Raum mit Balkon und vielen Büchern, DVDs und CDs. Zum Schreiben gehe ich aber am liebsten in unseren Wintergarten, wo es sehr hell ist.

Das klingt nach viel Ruhe, dabei hören Sie gern Heavy Metal.
Aber erst nach der Arbeit, und dann vor allem im Auto, meinem Metal Mobil, wie ich es nenne.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus – lassen Sie es gemütlich angehen?
Nein, ich bin nicht der Autorentyp, der auf die Muse wartet. Ich stehe um halb sieben auf und frühstücke mit meiner Frau. Wenn sie das Haus verlassen hat, beginne ich zu schreiben, fünf Stunden am Stück, wenn es gut läuft. Mittags bin ich eine Stunde auf dem Heimtrainer und sehe mir einen Film an, oder ich gehe mit Walking-Stöcken in den Wald. Anschließend arbeite ich weiter bis abends gegen sieben. Abgelenkt werde ich höchstens von unseren Katzen, wenn sie sich an meine Beine hängen oder über den Laptop laufen.

Gibt es Autoren, die Sie angeregt haben?
Als Jugendlicher habe ich vor allem Stephen King gelesen. Seine Bücher haben eine wichtige Rolle gespielt, wurden mir aber im Lauf der Zeit zu langatmig. Anders die Romane von Dean Koontz, da ist alles genau durchdacht und komponiert, das gefällt mir gut. Für meine Thriller ist zudem Dennis Lehane wichtig. Seine Serie um ein Privatdetektivpärchen habe ich verschlungen, und Pulaski und Sneijder ermitteln dann ja auch gemeinsam mit Partnerinnen. Das macht die Geschichten komplexer und spannender. Wenn ich in einem Kapitel Sneijders Partnerin in einem zweiten Handlungsstrang folge, weiß man nicht, was er gerade tut, und muss weiterlesen. Das ist meine Art von Sadismus: dem Leser hoffentlich schlaflose Nächte zu bereiten.

„Moneten, Bier und heiße Bräute“

Sie haben inzwischen acht Thriller veröffentlicht. Nach der Schulzeit haben Sie aber erst einmal Wirtschaftswissenschaften studiert und als Controller gearbeitet. Wie sind Sie Autor geworden?
Das wollte ich schon immer. Meine erste Geschichte habe ich mit fünf erfunden, damals konnte ich noch nicht mal schreiben. Das wurde ein Comic mit Symbolen statt Wörtern in den Sprechblasen. Als ich acht oder neun war, habe ich in den Sommerferien nachts in der Schrebergartenhütte meiner Eltern meinen ersten Krimi verfasst: »Moneten, Bier und heiße Bräute«. Nach drei Seiten hatten sich aber alle Figuren gegenseitig umgebracht, und der Roman war zu Ende. Mit elf habe ich es noch einmal versucht, dieses Mal professioneller mit der mechanischen Schreibmaschine meiner Eltern.

Wie sah das aus?
Ich habe geglaubt, dass ein Autor das Manuskript im Blocksatz schreiben muss. Daran habe ich stundenlang getüftelt und die Worte entsprechend gewählt, bis ich zwei bündige Absätze fertig hatte. Das war ein tolles Gefühl, weil der Text schon aussah wie eine Buchseite. Es war halt nur sehr viel Arbeit. Als mir dann ein Lehrer erzählte, dass das Layout vom Verlag übernommen wird, war ich erleichtert, beschloss, Autor zu werden, und verfasste ein paar Jahre später vor allem Kurzgeschichten. Die ersten konnte ich in den 1990er Jahren veröffentlichen: in Magazinen und Büchern mit winzigen Auflagen. Seitdem habe ich fast täglich geschrieben, wie ein Besessener. 2005 erschien dann mein erster Roman.

Wie haben Sie das neben der Berufstätigkeit hinbekommen?
Ich habe abends und samstags geschrieben. Meine Frau hat das mitgetragen und ist bis heute meine erste und beste Testleserin geblieben. Zuletzt war ich in einem Pharma-Unternehmen tätig, konnte die Arbeitszeit aber mehr und mehr reduzieren. 2014 hat sich dann mein Traum erfüllt: Ich habe den Job an den Nagel gehängt – seitdem bin ich freier Autor.

© Dr. Sabine Schmidt

bücher.de im Interview mit Andreas Gruber

In „Todesmärchen“, dem neuen Fall für Maarten S. Sneijder, sterben Menschen, die den genialen niederländischen Profiler entweder gehasst bzw. verabscheut haben oder ihm etwas anhängen wollten. Hat es Ihnen eigentlich besondere Freude bereitet, Ihren exzentrischen Helden, der ja eher als, sagen wir, ziemlich schwieriger Typ konzipiert ist, einmal so richtig unter Druck zu setzen?
Andreas Gruber: Zunächst mal war es gar nicht so schwierig, Leute zu finden, die Maarten S. Sneijder hassen, da er so ein arroganter Kotzbrocken ist. Ich hatte also freie Hand, im Roman passende Opfer zu finden.

Und wer Sneijder kennt, der weiß, dass Sneijder unter Druck am besten arbeitet. Da läuft er zur Höchstform auf. Sowohl in seiner Misanthropie, in seiner Arroganz, in seinen zynischen Sprüchen und in seiner Fähigkeit, sich in die Köpfe von Serienkillern hineinzudenken. Diese Methode des „Visionären Sehens“ hat er übrigens selbst entwickelt, indem er einen Marihuana-Joint raucht und sich bis zur Selbstaufopferung in das Gehirn des Täters hineinversetzt.

Um die Frage zu beantworten: Ja, es hat mir besondere Freude bereitet. Je mehr Zeitdruck und persönlicher Druck auf Sneijder und seiner Kollegin Sabine Nemez lasten, umso besser.

Was war Ihr Antrieb, diesen dritten Fall für Sneijder in Angriff zu nehmen? Und was unterscheidet „Todesmärchen“ von den Vorgängern „Todesurteil“ und „Todesfrist“?
Andreas Gruber: In „Todesfrist“ lernt die junge Münchner Kripoermittlerin Sabine Nemez den niederländischen Profiler Maarten Sneijder vom Wiesbadener BKA kennen – und gemeinsam lösen sie den so genannten Struwwelpeter-Killer-Fall.

In „Todesurteil“ wird Sabine von Sneijder an der Akademie für hoch begabten Nachwuchs des BKA unterrichtet – wo sie ungelöste Fälle durchnehmen und einen schrecklichen Zusammenhang entdecken.

In „Todesmärchen“ hat Sabine die zweijährige Ausbildung zur Profilerin absolviert und sie sind bereits ein Team – und das ist Sneijders persönlichster Fall, nämlich die Konfrontation mit dem niederländischen Serienkiller Piet van Loon, seinem Alter Ego.

Das ist der Unterschied zwischen den Romanen: Die Entwicklung der Figuren. Sonst sind sie ähnlich: Schreckliche Morde, ein Wettlauf gegen die Zeit, zwei Handlungsstränge, die sich kapitelweise abwechseln, Rückblenden in die Vergangenheit, Szenen aus der Sicht des Täters oder Opfers und ein langer Showdown. Dazwischen etwas Humor und zynische Bemerkungen.

Was, würden Sie sagen, schätzt Sneijder an „seiner Entdeckung“, der Kommissarin Sabine Nemez, und was Nemez an Sneijder?
Andreas Gruber: Sabine hasst Sneijder, weil er nicht nur sie, sondern alle Menschen in seiner Umgebung demütigt. Aber Sabine bietet ihm Paroli. Und sie respektiert Sneijder, weil er ein Genie ist, eine Aufklärungsrate von 97 % hat und sie viel vonihm lernen kann. Allerdings muss sie aufpassen, nicht so zu werden wie er.

Sneijder hat in „Todesfrist“ nach der ersten Begegnung mit Sabine ihr großes Potenzial erkannt. Darum hat er sie an die Akademie des BKA geholt, um sie unter seine Fittiche zu nehmen und diesen Rohdiamanten zu schleifen. Schließlich muss irgendjemand die Killer fassen und den Nachwuchs ausbilden, wenn Sneijder eines Tages nicht mehr im Dienst ist. Aber das würde er Sabine gegenüber niemals zugeben.

Ein zentrales Element der Krimis der Maarten-S.-Sneijder-Reihe ist natürlich ihr Humor. Wie entsteht der in der Beziehung der Figuren untereinander?
Andreas Gruber: Der Humor ist trocken, schwarz, bissig und zynisch. Das hat mit der Figur des Maarten S. Sneijder zu tun, weil er ein menschenverachtendes A… ist. Viele lassen sich das gefallen, Sabine nicht. Darum entstehen zwischen ihnen oft erfrischende Dialoge. Und es macht mir Spaß darüber zu schreiben. Oft denke ich tage- und wochenlang darüber nach, was Sneijder nun antworten könnte. Irgendwann fällt es mir ein – und im Roman klingt es dann sehr spontan.

Die Opfer in „Todesmärchen“ sind jeweils auf die perfideste Weise ermordet und drapiert worden. Eine zentrale Figur in diesem Fall ist der Serienmörder Piet van Loon, der in Haft eine Therapiegruppe besucht. Dies vielleicht als Beispiel: Wie recherchieren Sie?
Andreas Gruber: Mittlerweile habe ich eine Menge Menschen kennen gelernt, die mir bei meinen Recherchen gern helfen, und da ergeben sich oft lange Gespräche. Zum Beispiel mit einem Berliner Staatsanwalt, einem Berner Rechtsmediziner, einem Wiesbadener BKA-Beamten, einem niederösterreichischen Gefängnisdirektor, einer Badener Psychotherapeutin oder einem Arzt und Anästhesiologen aus Schleswig-Holstein. Solche Gespräche sind für einen spannenden Thriller unerlässlich und bringen mich auf neue Ideen.

Wie versetzen Sie sich in Ihre Charaktere hinein?
Andreas Gruber: Es gibt zwei Creative-Writing-Techniken, die nennen sich „Show, don’t tell“ und „Erzählen aus der Erzählperspektive“. Klingt hochtrabend, aber in Wahrheit geht es einfach nur darum, das zu erzählen, was die Figur sieht, hört, riecht, spürt und fühlt. Dabei benutze ich auch oft Innere Monologe, und so tauche ich in die Figur hinein und schildere die Szenen aus ihrer Sicht. Hilfreich dabei ist ein Tässchen Kaffee und ein Brot Nutella. Nein – um ehrlich zu sein: zwei oder drei Brote Nutella.

Wie reagieren eigentlich die Leser auf Ihre Figuren? Wie lautet der häufigste Kommentar zu Maarten S. Sneijder?
Andreas Gruber: Er ist ein Kotzbrocken. Er ist politisch inkorrekt. Er ist fies. Aber die Leser lieben ihn trotzdem – oder vielleicht sogar gerade deswegen – und finden ihn herrlich. Denn er hat auch seine schwachen Seiten, und das macht ihn wieder menschlich und verletzlich. Er ist schwul, bekämpft seine Cluster-Kopfschmerzen mit Akupunktur und klaut Bücher in der Haital-Buchhandelskette, was mit seiner persönlichen Vergangenheit zu tun hat. Er hat so viele Ecken und Kanten, vielleicht macht das den Reiz aus.

Wie ist der aktuelle Stand Ihrer persönlichen Beziehung zu Ihrer Figur. Sind Sie froh, wenn Sie einen Fall mit ihm beendet haben? Allzu lange hält man es ja mit Sneijder nicht aus. Oder fehlt er Ihnen schon wieder?
Andreas Gruber: Zwischen den Sneijder-Romanen schreibe ich entweder einen Roman für die Rache-Reihe um den asthmakranken Ermittler Walter Pulaski („Rachesommer“, „Racheherbst“), einen eigenständigen so genannten Stand-Alone-Thriller oder Kurzgeschichten für meine Erzählbände im Luzifer-Verlag. Für Abwechslung in meiner Schreibstube ist also gesorgt, und wenn ich dann wieder ein neues Sneijder-Projekt angehe, ist es so, als treffe ich einen alten Bekannten. Wichtig ist ja immer, dass ich mir etwas Frisches ausdenke und die Leser mit einer neuen Story mit raffinierten Wendungen überrasche. Darum sind die kreativen Pausen dazwischen gut, bevor ich mich mit dem Duo Sneijder & Nemez wieder auf Mörderjagd begebe.

Wird es einen weiteren Fall für Maarten S. Sneijder geben?
Andreas Gruber: „Todesmärchen“ endet mit einem – wie ich meine – sehr gewagten Cliffhanger. Da habe ich alles an Dramatik reingepackt, was gegangen ist. Darum nehme ich an, dass die Leser wissen möchten, wie es weitergeht. Die Handlungen und Figuren von Band 4 und 5 sind schon entwickelt, Buchverträge dazu gibt es auch schon. Allerdings kann ich jetzt noch nicht verraten, wie die Bücher heißen werden, worum es geht und wann sie erscheinen. Da bitte ich noch etwas um Geduld – oder einfach, so wie Sneijder es tun würde – eine Tasse Vanilletee trinken, sich mit Akupunktur-Nadeln beruhigen und einen Joint rauchen.

Interview: Literaturtest

Sieben Fragen an Andreas Gruber (kriminetz.de)

Kriminetz: Du schreibst Krimis und Thriller, deine literarischen Wurzeln liegen im Genre Horror. Würdest du dich selbst als „netten Mann von nebenan“ bezeichnen?
Andreas Gruber: Natürlich bin ich das, auch wenn ich Horrorfilme schaue, Romane von Tim Curran lese und Heavy Metal höre. Abgesehen davon ist mein Leben ganz normal und unspektakulär. Meine Frau und ich spielen mit unseren Nachbarn regelmäßig zu sechst Karten-Poker, Texas Hold’em mit einem Einsatz von zwei Euro. Meistens verliere ich, aber bis jetzt ist dabei noch niemand erschossen worden. Wenn ich mit dem Notebook im Wintergarten sitze und schreibe, winke ich den Wanderern zu, die in unserer Sackgasse vorbeimarschieren, die in einen Forstweg mündet, der in die Berge führt – bis jetzt kam noch jeder lebend zurück. Außerdem haben wir fünf Katzen – und Katzenhalter sind sowieso keine bösen Menschen. Hin und wieder verschwinden halt Hunde in unserer Gegend …

Kriminetz: Hat dir, als du ein Kind warst, jemand Märchen vorgelesen?
Andreas Gruber: Nein, die habe ich selbst gelesen. Zuerst von den Gebrüdern Grimm, danach die Alpen- und Donausagen und später die Erzählungen von Tausend und eine Nacht und die Nibelungen und Griechischen Göttersagen. Von da war es dann nicht mehr weit zu den Romanen von Stephen King. „Brennen muss Salem“ war mein erster richtiger Roman, und der hat mich ziemlich gepackt.

Kriminetz: Dein aktueller Thriller heißt „Todesmärchen“. Magst du etwas vom Inhalt verraten?
Andreas Gruber: Das ist der dritte Fall des kiffenden, Bücher klauenden, zynischen niederländischen Profilers Maarten S. Sneijder, der an der Akademie des deutschen Bundeskriminalamts in Wiesbaden den Nachwuchs unter seine Fittiche nimmt. Seine beste Schülerin war – obwohl er das nie zugeben würde – die Münchner Kripoermittlerin Sabine Nemez. Nun hat Sabine fertig studiert und arbeitet mit Sneijder im Team. Was, dieser Kotzbrocken und dieses menschenverachtende A***loch arbeitet im Team? Ja, er wird dazu gezwungen. Und gemeinsam bekommen sie es mit Piet van Loon zu tun, der seit fünf Jahren im Hochsicherheitstrakt für geistig abnorme Rechtsbrecher auf der Insel Ostheversand im Knast sitzt. Denn in Bern, Rotterdam, Regensburg und Wien passieren schreckliche Morde, die sehr an Piet van Loons alte Mordreihe erinnern, und er wird zur Schlüsselfigur bei den Ermittlungen.

Kriminetz: Dein Ermittler Maarten S. Sneijder ist polizeilicher Fallanalytiker beim BKA, wie du grade erklärt hast. Warst du mal in Wiesbaden zur Recherche?
Andreas Gruber: Eine Woche lang, und zwar bevor ich Band 2 der Sneijder-Reihe „Todesurteil“ geschrieben habe. Da studiert Sabine Nemez an der Akademie, und Sneijder nimmt mit seinen Studenten ungelöste Mordfälle durch. Dabei entdeckt Sabine einen Zusammenhang zwischen einigen ungelösten Fällen, und so kommt die Handlung in Gang. In Wiesbaden durfte ich mir die verschiedenen Locations des BKA ansehen, das Hauptgebäude, die Akademie und durfte mit vielen Ermittlern sprechen. Da habe ich Stoff für viele weitere Romane mit nach Hause genommen.

Kriminetz: Arbeitest du mit einer Literaturagentur zusammen? Und falls ja, worin liegen die Vorteile?
Andreas Gruber: Seit 2007 werde ich von der Münchner Agentur AVA von Roman Hocke vertreten, wo auch Wulf Dorn, Veit Etzold, Ursula Poznanski und Sebastian Fitzek unter Vertrag sind. Der Vorteil liegt einfach darin, dass die Agentur und ich den Exposé-Stoff gemeinsam erarbeiten, besser mit den Verlagen verhandeln können und es auch Deals für Übersetzungen mit dem Ausland gibt. Das und den dazugehörigen bürokratischen Aufwand könnte und wollte ich auch gar nicht allein stemmen.
Von Autorenkollegen höre ich zwar oft den Satz „Ich brauche keine Agentur, das mache ich alles allein, außerdem müsste ich denen 15 oder 20 Prozent von den Einnahmen zahlen.“
Aber da sage ich nur, eine gute Agentur ist dieses Geld allemal wert. Außerdem investiere ich die dadurch für mich gewonnene Zeit in meine Schreibarbeit – und das ist mir das Wichtigste.

Kriminetz: Beim Lese-Flashmob des Syndikats bei der Criminale in Marburg durfte ich mich – neben dir stehend – von deiner Stimmgewalt überzeugen. Es entstand der Eindruck, aufzutreten mache dir viel Spaß. Stimmt das – machst du gerne Lesungen?
Andreas Gruber: Ja, ich halte wahnsinnig gern Lesungen. Erstens komme ich in Kontakt mit den Lesern, was mir wichtig ist, und zweitens lerne ich dadurch neue Städte kennen, die ich als Locations in die Handlung einbaue – denn Sneijder & Nemez müssen als BKA-Ermittler viel reisen. Langweilig wird mir bei den Lesungen selbst nie, denn ich lese dabei nicht 70 Minuten lang immer wieder denselben Text. Vielmehr erzähle ich über meine Bücher. Ich lese nur etwa ein Viertel der Zeit, den Rest plaudere ich über die Entstehungsgeschichte der Romane, über die Zusammenarbeit mit dem Verlag und erzähle Anekdoten über die Recherchen. Danach folgen Gespräche mit dem Publikum und Signieren der Bücher.

Kriminetz: Was war deine „verrückteste“ Lesung?
Andreas Gruber: In einer Wiener Sternwarte habe ich auf einem brüchigen Holzstuhl unter dem Fernrohr gesessen, der während der Lesung den Geist aufgegeben hat. Im großen Saal des Salzburger Literaturhauses auf der Bühne mit Mikrofon vor einer einzigen Person war auch ziemlich merkwürdig. Tja, und dann noch die Weihnachtslesung in Berndorf, bei der ich mit den Musikern mit roter Zipfelmütze anschließend auf der Bühne gerockt habe. Das war das erste Mal, dass die Zuhörer lautstark „Zugabe“ gebrüllt haben. Die verrückteste Lesung wird aber vermutlich am 26. Oktober 2016 in Herzogenrath sein, wo ich einen Krimipreis erhalte, nämlich die Herzogenrather Handschelle, denn da werde ich mit Handschellen auf der Bühne lesen.

Kriminetz: Vielen Dank, Andreas Gruber, für die Beantwortung der sieben Fragen!

Interview mit Journalistin Sarah Pauli, bekannt aus Beate Maxians Krimis

Die Wiener Journalistin Sarah Pauli ist es gewöhnt, Interviews zu führen. Doch selbst eines zu geben ist ungewöhnlich für sie.
Dem österreichischen Krimiautor Andreas Gruber stand sie jedoch Rede und Antwort. Knallharte Fragen, wie man es sonst nur von investigativen Journalisten gewohnt ist, warteten auf die sympathische Wienerin mit neapolitanischen Wurzeln.
Gemeinsam sitzen sie in Sarah Paulis Büro im Wiener Boten. Zwei Tassen Kaffee und leise Musik von Pino Daniele. Sarah Pauli trägt Jeans und T-Shirt, an ihren Ohren baumeln rote cornicelli und an der Halskette ein ebenso rotes Corno.

Andreas Gruber: Was ist das für Schmuck? Sieht aus wie … ähm … Chili.

Sarah Pauli (lacht): Das sagt der Chef vom Dienst vom Wiener Boten auch immer. (sie greift an ihre Halskette, hält das Schmuckstück Andreas Gruber direkt vors Gesicht). Das nennt man Corno, auf Deutsch: Horn. Es hilft gegen den Bösen Blick.

Andreas Gruber: Der Böse Blick?

Sarah Pauli: Ein Schadenszauber.

Andreas Gruber: Schadenzauber?

Sarah Pauli: Schwarze Magie.

Andreas Gruber: Und das im 21. Jahrhundert. Aha! Esoterik soll ja ganz modern sein.

Sarah Pauli: Ich beschäftige mich mit dem Hintergrund und der Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des Aberglaubens. Ich zünde keine Engelskerzen an.

Andreas Gruber: Sind Sie abergläubisch?

Sarah Pauli: Nicht mehr und weniger, als andere Menschen. Meine Großmutter war Neapolitanerin, dort ist der Aberglaube ein Teil des Alltags. Aus dem Grund weiß ich viel über dessen Ursprung und die Bedeutung. Ich gebe aber mein 13. Monatsgehalt nicht zurück.

Andreas Gruber: Sie schreiben in Ihrer Kolumne darüber. Warum?

Sarah Pauli: Weil das ein sehr spannendes Thema ist und viel mit unserer Historie zu tun hat. Das Wort Aberglaube gibt es erst seit dem 15. Jahrhundert und auch nur in christlich orientierten Regionen.

Andreas Gruber: Sie besitzen eine schwarze Katze?

Sarah Pauli: Da haben Sie so ein Beispiel. In unseren Breiten galten schwarze Katzen lange als Unglücksboten und in England sind sie zum Beispiel Glückskatzen. Sind Sie abergläubisch?

Andreas Gruber: Ähm. Nein.

Sarah Pauli (runzelt die Stirn): Und doch klopfen Sie auf Holz, wünschen toi toi toi, stoßen mit einem Glas mit Ihrem Gegenüber an und, so hoffe ich, tragen rote Unterwäsche zu Silvester. Also sagen Sie bitte nicht, dass Sie nicht abergläubisch sind.

Andreas Gruber: Rote Unterwäsche?

Sarah Pauli: Lesen Sie Beate Maxians Bücher, die schreibt über mein Leben.

Andreas Gruber (notiert auf einem Blatt: rote Unterwäsche): Gut, also Ihr Leben. Sie mischen sich ja immer wieder in Kriminalfälle ein.

Sarah Pauli: Was heißt, ich misch mich ein? Die Fälle kommen zu mir.

Andreas Gruber: Von Chefinspektor Stein weiß ich, dass Sie ihm manchmal ziemlich auf die Nerven gehen.

Sarah Pauli: Chefinspektor Martin Stein weiß meine Hilfe inzwischen sehr zu schätzen. Mein Blick auf einen Mordfall ist … ich will jetzt nicht unfreundlich sein … offener, breitflächiger, einfach aus einem anderen Blickwinkel. Martin Stein kann manchmal ganz schön engstirnig sein. Und in Wahrheit tut er nur so, als ginge ich ihm auf die Nerven. Er passt auf mich auf. Immerhin ist meine Kollegin Hilde Jahn, eine langjährige gute Bekannte von Stein, ermordet worden, als sie einen Informanten traf. Sie war Enthüllungsjournalistin.

Andreas Gruber: Hilde Jahn war auch die Geliebte von David Gruber, dem Herausgebers des Wiener Boten – was übrigens nur eine zufällige Namensgleichheit ist. Der ja nun Ihr Lebensgefährte ist.

Sarah Pauli (stirnrunzelnd): Was wollen Sie damit andeuten?

Andreas Gruber: Dass Sie nicht nur beruflich Hilde Jahns Nachfolgerin geworden sind.

Sarah Pauli: Das ist jetzt zwar eine sehr privat Frage, Herr Gruber – aber gut. Wo die Liebe eben hinfällt, sagt man nicht so? Das Leben treibt einen manchmal in eine Richtung, die man nicht vorhersehen kann. Ich wusste weder, dass Hilde Jahn und David Gruber ein Paar waren, als ich ihr zugearbeitet habe. Noch konnte ich ahnen, dass David und ich uns ineinander verlieben nach ihrer Ermordung. Auch habe ich mich lange dagegen gewehrt, ihre Nachfolgerin zu werden. Privat und beruflich.

Andreas Gruber: Es heißt, Sie beißen sich wie ein Terrier in einen Fall fest, wenn Sie sich einmal für einen Kriminalfall interessieren.

Sarah Pauli (lacht): Wer sagt das?

Andreas Gruber (lächelt charmant): Ich hab mich informiert.

Sarah Pauli: Ich dachte, Sie sind Krimiautor.

Andreas Gruber: Auch Krimiautoren recherchieren.

Sarah Pauli: Ich nehme das mit dem Terrier jetzt einmal als Kompliment. Ich liebe nämlich Hunde. Und ja, wenn ich mich für einen Fall interessiere, dann gebe ich nicht so schnell auf und ich akzeptiere auch keine Lösungen, die mir unlogisch erscheinen.

Andreas Gruber: Sind Verbrechen logisch?

Sarah Pauli: In meinem Universum: Ja

Andreas Gruber: Weil Sie vorhin Krimiautor sagten. Wie sind Sie eigentlich in Beate Maxians Kopf gekommen?

Sarah Pauli: Irgendjemand musste doch ihr ganzes Wissen zum Thema Aberglauben unter die Leute bringen. Da ich Journalistin bin, war es eine logische Konsequenz, dass ich das bin.

Andreas Gruber: Das klingt, als hätten Sie sich irgendwo in einem Kaffeehaus kennengelernt, ein wenig geplaudert und dann hätte Beate Maxian über Sie geschrieben. In Wahrheit erfinden wir Krimiautoren doch unsere Figuren, wir treffen sie nicht im Café.

Sarah Pauli: Sie ist auch nicht im Café auf mich getroffen, sondern in der Badewanne. Sie hat über den Romanstoff nachgedacht und darüber, keine Inspektorin oder einen Inspektor losschicken zu wollen … das war meine Stunde!

Andreas Gruber: Es gibt Kollegen, die sagen, Sie seien die Hexe des Wiener Boten. Hat sie Sie in diese Rolle gedrängt?

Sarah Pauli: Auch diese Bezeichnung nehme ich gerne als Kompliment an, bedeutet Hexe doch „Weise Frau“. Früher waren es oft Heilerinnen und Hebammen. Im Roman hat sich diese Rolle aufgrund meines Wissens zum Thema Aberglauben ergeben. Die Maxian hat da vorher nicht groß darüber nachgedacht. Unter uns: Sie ist manchmal eine chaotische Denkerin.

Andreas Gruber: Sie sind jetzt aber weder Heilerin noch Hebamme. Sie sind Journalistin.

Sarah Pauli: Sie wollen es aber ganz genau wissen, Herr Gruber. Also gut, dann gehen wir einen Schritt weiter. Gebildete Frauen galten im Mittelalter als vom Teufel besessen. Schreiben und lesen zu können, galt wider die Natur.

Andreas Gruber: So gesehen, wären heutzutage fast alle Frauen Hexen.

Sarah Pauli: Rote Haare galten früher auch als Zeichen. Haben Sie schon unsere Gesellschaftsreporterin gesehen, Herr Gruber? Sie hat eine kupferrote Löwenmähne.

Andreas Gruber (zieht die Augenbrauen hoch): Gibt es eine Möglichkeit sich vor Hexen zu schützen?

Sarah Pauli (lächelt spöttisch, überlegt eine Weile): Es gibt ein paar Möglichkeiten. Aber wenn Sie’s gleich ausprobieren wollen, ziehen Sie ein Kleidungsstück verkehrt herum an. Ihr Hemd oder Ihre Unterwäsche.

Andreas Gruber: Und das hilft?

Sarah Pauli: Probieren Sie es aus.

Andreas Gruber: Danke für das Interview.

Sarah Pauli: Jederzeit wieder.

Händeschütteln.
Der österreichische Autor geht nach dem Gespräch direkt zur Toilette.

Beate Maxian entdeckt die tiefen Abgründe von Maarten S. Sneijder

Der österreichischen Krimiautorin Beate Maxian ist es gelungen, beim deutschen Bundeskriminalamt in Wiesbaden eine Anfrage zu stellen, um eines der seltenen Interviews mit dem Profiler Maarten S. Sneijder führen zu dürfen.
Gemeinsam sitzen sie in einem Verhörraum des BKA. Die Luft in dem kleinen Raum ist stickig. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt Beate Maxian direkt ins Gesicht. Sie kann nur wenig von Sneijder erkennen. Er trägt einen schwarzen Designeranzug, ist über einen Meter achtzig groß und hat enorm lange Arme.

Beate Maxian: Lieber Maarten Sneijder, was kannst du uns zu …?

Maarten S. Sneijder: Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber ich könnte mich nicht erinnern, dass wir uns duzen. Oder habe ich da etwas missverstanden?

Beate Maxian: Nein, haben Sie nicht, tut mir leid. Lieber Maarten Sneijder, was können Sie uns zu …?

Maarten S. Sneijder: Verdomme! Es heißt Maarten S. Sneijder! Hat Ihnen das niemand gesagt?

Beate Maxian: Danke, also was können Sie uns zu …?

Maarten S. Sneijder: Entschuldigen Sie, dass ich Sie gleich noch einmal unterbreche, Frau Maxian. Meine Zeit ist knapp, ich muss gleich zur nächsten Besprechung mit Präsident Hess ins Bundeskriminalamt, und ich möchte vermeiden, dass Sie meine Zeit vergeuden. Sehen Sie diese drei Finger?

Beate Maxian: Äh, ja.

Maarten S. Sneijder: Also stellen Sie ihre Fragen in höchstens drei knappen, präzisen Sätzen! Schaffen Sie das?

Beate Maxian: Ich weiß nicht, ich werde …

Maarten S. Sneijder: Frau Maxian, Sie sind doch Schriftstellerin, oder?

Beate Maxian: Ja.

Maarten S. Sneijder: Dann haben Sie doch sicher gelernt, sich in knappen, präzisen Sätzen auszudrücken. Also bitte.

Beate Maxian: Gut, ich werde es versuchen. Sie sind 49 Jahre alt und kommen ursprünglich aus Rotterdam in den Niederlanden. Wie lautet Ihre exakte Berufsbezeichnung?

Maarten S. Sneijder: Ich bin polizeilicher Fallanalytiker, Entführungsspezialist und forensischer Kripopsychologe beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Wenn ich nicht gerade im Auslandseinsatz bin, nehme ich an der Akademie des BKA für hoch begabten Nachwuchs junge Kollegen unter meine Fittiche.

Beate Maxian: Kolleginnen auch?

Maarten S. Sneijder: Hören Sie auf mit diesem Gender-Quatsch!

Beate Maxian: Okay. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie einen Hang zu Drogen haben. Wie lässt sich das mit Ihrem Job verein…?

Maarten S. Sneijder: Diese Frage müssen wir aus dem Protokoll streichen!

Beate Maxian: Darf ich sie inoffiziell stellen?

Maarten S. Sneijder: Nur wenn Sie die Antwort nicht veröffentlichen. Andernfalls müsste ich Sie anschließend für einige Monate in U-Haft nehmen.

Beate Maxian: Einverstanden.

Maarten S. Sneijder: Gut, ich habe Cluster-Kopfschmerzen, einen extreme Variante von Migräne – Kopfschmerzen zur Potenz. Darum rauche ich Marihuana. Einerseits lindert es die Schmerzen, andererseits gelingt es mir damit, durch meine Methode des Visionären Sehens, in die kranke Psyche von Serientätern hinabzusteigen, um ihre nächsten Gedanken zu erahnen.

Beate Maxian: Durch das Marihuana?

Maarten S. Sneijder: Als Schriftstellerin und Künstlerin müssten Sie den Effekt von Drogen doch eigentlich kennen.

Beate Maxian: Äh … nein.

Maarten S. Sneijder: Sehen Sie, Frau Maxian, durch das Marihuana kristallisiert sich manchmal ein winziges Detail mit all seinen Facetten übergroß heraus, das man sonst übersehen hätte. Das ist in meinem Job unerlässlich, und nebenbei bemerkt habe ich im Vergleich zu meinen Kollegen die höchste Aufklärungsrate.

Beate Maxian: Nochmal zurück zu den Cluster-Kopfschmerzen – gibt es keine andere Methode, um Ihre Schmerzen zu lindern?

Maarten S. Sneijder: Sehen Sie diese tätowierten Punkte auf meinen Händen? Das sind Akupunkturpunkte. Mit Nadeln, die ich immer bei mir trage, ziehe ich mir regelmäßig den Schmerz aus dem Kopf.

Beate Maxian: Ich habe gehört, sie hassen große Menschenmengen.

Maarten S. Sneijder: Ich hasse generell Menschen. Die rauben mir die Luft zum Atmen, und ich brauche Sauerstoff zum Denken.

Beate Maxian: Angeblich haben Sie keinen Führerschein.

Maarten S. Sneijder: Das stimmt.

Beate Maxian: Aber ich habe gehört, dass Sie …

Maarten S. Sneijder: Hören Sie, Frau Maxian, auch diese Frage müssen wir aus dem Protokoll streichen.

Beate Maxian: Und inoffiziell?

Maarten S. Sneijder: Von mir aus. Natürlich besitze ich einen Führerschein, aber davon wissen nur eine Handvoll Leute. So ist es mir möglich, dass ich von den Kollegen zu den Tatorten gefahren werde, und kann die Zeit auf dem Rücksitz sinnvoll nutzen.

Beate Maxian: Warum auf dem Rücksitz?

Maarten S. Sneijder: Ich hasse Smalltalk.

Beate Maxian: Verstehe. Gilt das auch für Ihre Studenten an der Akademie?

Maarten S. Sneijder: Für die ganz besonders. Wir müssen effizient arbeiten, daher nehmen wir an der Akademie im Modul Profilerstellung und forensische Psychologie nur ungelöste Mordfälle durch.

Beate Maxian: Warum das?

Maarten S. Sneijder: Andernfalls könnten die Studenten die Lösung googeln oder im Archiv ausheben. Aber ich muss diese jungen Leute dahingehend erziehen, dass sie zu kreativen Ansätzen fähig sind. Sie müssen lernen, unorthodox zu ermitteln und über den Tellerrand zu blicken.

Beate Maxian: Und das gelingt?

Maarten S. Sneijder: Godverdomme, nicht immer! Aber an der Akademie gibt es ein besonderes Talent, nämlich die Münchnerin Sabine Nemez. Sie ist die Hoffnung der jungen, modernen Verbrechensbekämpfung … und ich hoffe, noch viele weitere Fälle mit ihr lösen zu können. Aber sagen Sie ihr das bloß nicht!

Beate Maxian: Natürlich.

Maarten S. Sneijder: So, vier Fragen noch, dann muss ich weg.

Beate Maxian: Gut, verstehe. Haben Sie ein Haustier?

Maarten S. Sneijder: Einen Basset. Ist mir zugelaufen. Im Winter übernachtet er in meinem Haus, am Stadtrand von Wiesbaden, im Sommer schläft er draußen vor der Tür auf der Matte. Sein Name ist Vincent. Er ist ziemlich gefräßig.

Beate Maxian: Ich habe erfahren, dass Sie Bücher klauen. Aber nur in den Filialen einer bestimmten Buchhandelskette namens Haital. Warum?

Maarten S. Sneijder: Das hat persönliche Gründe. Eine private Fehde. Hat mit meinem Vater zu tun, Gott hab ihn selig. Mehr müssen Sie nicht wissen.

Beate Maxian: Lesen Sie selbst Kriminalliteratur?

Maarten S. Sneijder: Gelegentlich.

Beate Maxian: Was zum Beispiel?

Maarten S. Sneijder: Thomas Harris, Dennis Lehane, Jean-Christophe Grangé, Douglas Preston und Lincoln Child.

Beate Maxian: Was halten Sie von Andreas Gruber?

Maarten S. Sneijder: Kenne ich nicht. Wer soll das sein?

Beate Maxian: Ein österreichischer Krimiautor.

Maarten S. Sneijder: Ach der, ich kann mich dunkel erinnern. Ein armseliger Schriftseller. Er war mal beim BKA und hat für eines seiner Schmuddelbücher recherchiert. Das BKA hat eine Akte über ihn. Wir überwachen sein Haus und hören sein Telefon ab. Bisher ist er unauffällig geblieben, aber wir behalten ihn weiterhin im Auge. War es das?

Beate Maxian: Ja, danke. Ein herzliches Dankeschön, Maarten Sneijder, für die …

Maarten S. Sneijder: Maarten S. Sneijder!

Beate Maxian: Ein herzliches Dankeschön, Maarten S. Sneijder, für die Beantwortung der Fragen.

Maarten S. Sneijder: Gern geschehen.

Maarten S. Sneijder knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück.

Die österreichische Autorin ist nach diesem Interview für mehrere Monate spurlos verschwunden …

Interview zu seinem Thriller »Herzgrab«

„Ich habe mir geschworen, niemals feige zu sein“

Sie sind ein Autor, der erfolgreich in verschiedenen Genres zu Hause ist. Phantastik und Science Fiction gehören ebenso dazu wie Horror und Thriller. Sie wurden mehrfach mit angesehenen Preisen ausgezeichnet und schreiben sowohl Stories als auch Romane. Soeben erscheint Ihr neuer Roman „Herzgrab“, der nach „Rachesommer“ und „Todesfrist“ Ihr dritter Thriller bei Goldmann ist. Was reizt Sie besonders an diesem Genre?

Dazu muss man wissen: Ich entwerfe gerne erschreckende und kranke Horrorszenarien, was zum Teil auch an meiner Vergangenheit als Horrorautor liegt. Ich liebe es, den Leser in Furcht zu versetzen. Bei einem Thriller ist das nochmal um einen Tick intensiver als bei einem Horrorroman, weil die Handlung realistischer und „echter“ wirkt. Dieses Schreckensszenario könnte ja tatsächlich so passieren. Denken Sie nur an „Das Schweigen der Lämmer“. Diese Gratwanderung, die Grenze des Thrillers auszuloten und trotzdem die Ebene der Realität nicht zu verlassen, macht für mich den Reiz dieses Genres aus.

Den ersten Einfall zu „Herzgrab“ hatten Sie bereits vor vielen Jahren, aber Sie trugen die Idee lange mit sich herum und schrieben erst einmal mehrere andere Bücher. Kommt es häufiger vor, dass Sie an unterschiedlichen Buchprojekten zugleich arbeiten?

Ich versuche immer – das ist zumindest der Plan – nur jeweils an einem Buch zu arbeiten, aber die Realität sieht oft so aus, dass sich die Arbeiten überschneiden. Bei einem Roman schreibe ich gerade den Showdown, während die Idee für das nächste Projekt gerade im Kopf heranreift. Und wenn ich das Manuskript kurz vor Fertigstellung nochmal überarbeite, liegen vom nächsten Roman bereits die ersten Kapitel vor. Aber das ist ganz gut so, da ich so schneller Distanz zum eigenen Werk finde und Schwächen objektiver beurteilen kann. Und zwischendurch gönne ich mir immer wieder die Zeit, einige Kurzgeschichten zu schreiben.

In „Herzgrab“ gerät eine angesehene italienische Familie, die auf einem noblen Landsitz nahe Florenz lebt ins Visier eines grausamen Mörders. Die Ermittlungen setzen in Wien ein und führen über Florenz in die ländliche Toskana. Wie wichtig ist für Sie die Recherche an Originalschauplätzen, wenn Sie eine Romanhandlung verorten?

Ich suche mir nur Orte aus, die ich entweder bereits kenne oder gern kennen lernen möchte; Schauplätze, die mich faszinieren. Beispielsweise bin ich für eine Buchpräsentation zu den Nordsee-Krimitagen nach Sankt Peter-Ording eingeladen worden. In der Fortsetzung von „Todesfrist“, an der ich gerade arbeite, wird es daher einen ziemlich fiesen Tatort im Wattenmeer in Sankt Peter-Ording geben. Das sind einfach schöne Gelegenheiten, die man nicht nutzlos verstreichen lassen sollte, sofern sie sich in die Handlung einbetten lassen. Mit der Toskana ist es ebenso: Während einiger Urlaube in dieser Gegend ist im Lauf der Zeit die Handlung zu „Herzgrab“ entstanden… Stück für Stück… bis sie so stark wurde, dass ich das Buch einfach schreiben und dort spielen lassen musste.

Das Team der Kripobeamten, das von Wien aus gemeinsam nach Florenz aufbricht, besteht aus einem Österreicher und einem Italiener. Allerdings könnte das Duo aus Peter Gerink und dem Sizilianer Dino Scatozza nicht unharmonischer sein: Beide befehden sich wegen einer Frau, und immer wieder entladen sich auf der Dienstreise enorme Spannungen. Welche Rolle spielt in Ihrem Roman das humorvolle Spiel mit nationalen Klischees?

Generell spielt für mich der Humor in meinen Romanen eine große Rolle. Ich schreibe zwar keine witzigen Regionalkrimis wie beispielsweise Rita Falk, da es mich mehr zu düsteren Thrillern zieht – aber gerade deswegen möchte und muss ich sogar manchmal Handlung und Atmosphäre durch eine Prise schrägen oder schwarzen Humor auflockern. Dazu kommt, dass ich gern Figuren verschiedener Nationalitäten miteinander konfrontiere. In „Rachesommer“ trifft eine Wiener Anwältin auf einen Leipziger Ermittler und in „Todesfrist“ eine junge Münchner Kripobeamtin auf einen niederländischen Profiler. Das gibt Stoff für zusätzlichen Konflikt.

Gleichzeitig mit den Kripobeamten rollt eine Detektivin den Fall von einer anderen Seite her auf. Pikanterweise handelt es sich bei der Privatermittlerin Elena um die große Liebe Gerinks, derentwegen er mit seinem Kollegen Scatozza zerstritten ist. Dass die Handlung in mehreren parallel geführten Handlungssträngen verläuft, ist typisch für Ihre Thriller. Worin liegt für Sie der Reiz dieser Erzähltechnik?

Meisten ist es so, dass ich für meine Romane zu viele Ideen habe, sodass ich sie in zwei Handlungsstränge verpacken muss. In sich abwechselnden Kapiteln erzähle ich dann diese beiden Storys. Für mich macht es den Reiz aus, dass ich den Leser anfangs noch im Dunkeln tappen lasse, wie diese Handlungen miteinander verknüpft sind, und wann, wo und wie sie aufeinander treffen werden. Einen weiteren Reiz macht für mich aus, dass ich die Kapitel an der spannendsten Stelle mit einem Cliffhanger unterbrechen kann – eine Technik, die mich bereits als Jugendlicher bei Stephen Kings „Es“ sehr fasziniert hat.

Wie gelingt es Ihnen, beim Schreiben den Überblick zu behalten?

Anfangs erstelle ich zu meinen Romanen ein detailliertes Exposé von etwa 25 Seiten. Danach plane ich die einzelnen Kapitel in Excel, weil man in diesem Tabellenkalkulationsprogramm schön übersichtlich arbeiten kann. Außerdem erstelle ich in Excel chronologische Biographien meiner Figuren und eine Zeitlinie mit Uhrzeiten für die Handlung. All das merkt der Leser natürlich nicht, aber ich brauche es im Hintergrund, damit keine Ungereimtheiten passieren und sich die Handlung am Schluss wie ein Puzzle schön zusammenfügt.

Es gibt in „Herzgrab“ nicht nur zwei große Handlungsstränge, sondern auch eine Vielzahl ausgeprägter Charaktere mit teils extremen Eigenheiten. Welche Bedeutung trägt die Ausgestaltung der Romanfiguren für Ihre Plots?

Ich liebe schräge Charaktere, die verrückte Hobbys, Macken und Ticks haben. Ein Beispiel: Manchen ist die TV-Serie „Monk“ zu anstrengend, ich aber liebe diese Figur schon allein wegen ihrer vielen Zwangsneurosen. Es ist ja nicht nur für die Leser interessant, wenn man ihnen keine Nullachtfünfzehn-Figuren vorsetzt – sondern auch für den Autor, weil die Arbeit mit interessanten Charakteren und starken Persönlichkeiten viel mehr Spaß macht und man automatisch mehr in der Hand hat, das man dem Leser servieren kann.

Sie tauchen diesmal in die Welt der Malerei, der Auktionen und des Kunstmarkts ein. Können Sie etwas über die Recherche in dieser Szene erzählen?

In meinem Freundeskreis gibt es einige Malerinnen, außerdem male ich selbst gern, aber nicht gut genug, um es jemandem zu zeigen. Für einen Roman war dieses Wissen aber viel zu wenig. Daher habe ich einige Vernissagen und Museumsführungen besucht, mit Künstlern gesprochen und an einigen Auktionen teilgenommen. Als ich im Keller eines Auktionshauses herumgeschlichen bin, hätte mich beinahe das Sicherheitspersonal festgenommen. Sobald man aber den Menschen erzählt, dass man Schriftsteller ist und für einen Roman recherchiert, sind sie plötzlich sehr aufgeschlossen und bringen sich mit Ideen in die Handlung ein.

Wie wichtig ist für Ihre Arbeit an einem Thriller der persönliche Kontakt zu Experten?

Als ich 1999 an meiner ersten Kurzgeschichtensammlung gearbeitet habe, bot das Internet noch sehr wenige Informationen. Wenn man recherchieren musste, ging man also in die Bibliothek, warf einen Blick in den Brockhaus oder sprach mit Experten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein zehnminütiges Gespräch mit einem Fachmann mehr bringt, als stundenlang über Sachbüchern oder Wikipedia-Einträgen zu brüten, was ich natürlich auch mache, da es oft nicht anders geht. Aber ich habe mir geschworen, niemals feige zu sein und immer zu versuchen, einen Experten zu finden. Mittlerweile kenne ich einige Staatsanwälte, Richter, Kripoermittler, Ärzte und Rechtsmediziner, die ich mit meinen Fragen belästigen darf.

Sie schreiben nicht nur selbst, sondern unterrichten auch Kreatives Schreiben. Wie lange brauchen Autoren Ihrer Erfahrung nach, bis sie ihr Handwerkszeug richtig gut beherrschen?

Ich habe 1997 mit dem Schreiben begonnen und beherrsche es immer noch nicht perfekt. Immer noch bin ich auf die Hilfe von Lektoren und Testlesern angewiesen, und das wird sich wohl nie ändern – zumindest nicht, solange man seine Arbeit ernst und ehrgeizig betreibt. Also, eine ehrliche Antwort müsste lauten: wahrscheinlich ein Leben lang.

Sagen Sie das den Teilnehmern in Ihren Kursen?

Natürlich, allerdings subtiler. In meinen Schreibkursen mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Teilnehmer, die keine Vorkenntnisse haben und an ihrem ersten Roman arbeiten, immer gleich den Bestseller für einen großen Publikumsverlagen schreiben wollen. Das steckt in den Köpfen der Leute so drin. Ich nenne es das Joanne-Rowling-Syndrom. Meine Erfahrung zeigt, dass etwa zehn Jahre intensive Arbeit nötig sind, bis die Manuskripte so gut werden, dass ein großer Verlag sie veröffentlichen kann. Ausnahmen bestätigen die Regel, andererseits gibt es aber keine Garantie, dass es nach zehn Jahren klappen muss.

Eine Romanserie um einen Helden herum zu konstruieren – und sei er bei den Lesern noch so beliebt –, hatten Sie bisher nicht in Erwägung gezogen. Ihr nächster Thriller jedoch, der Nachfolger von „Todesfrist“, beschert uns ein Wiedersehen mit einer Ihrer Hauptfiguren: Maarten S. Sneijder, der ebenso kauzige und arrogante wie geniale Profiler aus Rotterdam. Was hat Sie an ihm so fasziniert, dass Sie ihn erneut zu einem der wichtigsten Romancharaktere erwählten?

Es stimmt, dass mir die Arbeit an einer Handlung, für die ich ein komplett neues Ensemble an Figuren erfinden kann, mehr Spaß macht. Aber bekanntlich gibt es Ausnahmen – bei mir sind es zwei: Peter Hogart, ein Wiener Versicherungsdetektiv, ist der Hauptcharakter in meinen beiden Thrillern „Schwarze Dame“ und „Die Engelsmühle“, die demnächst bei Goldmann neu aufgelegt werden. Genauso wie Peter Hogart ist auch Maarten S. Sneijder ein Außenseiter, der stur seinen Weg geht, bei seinen Vorgesetzten aneckt, auf eigene Faust ermittelt und sich oft auf dünnes Eis begibt.

Wie unterscheiden sich die beiden Figuren?

Peter Hogart ist ein Eigenbrötler, aber ein sympathischer Kerl, Maarten S. Sneijder hingegen ist ein arrogantes Arschloch. Beide Figuren faszinieren mich, darum wird es mit ihnen weitergehen. Zunächst einmal möchte ich mit Maarten Sneijders zweitem Fall die Fortsetzung zu „Todesfrist“ fertig schreiben, aber mir schwebt sowohl für Peter Hogart als auch für Maarten Sneijder jeweils ein dritter Band vor, um die beiden Trilogien abzuschließen.

Wird es weiterhin eigenständige Romane geben?

Die Schublade ist voll mit Ideen und Exposés.

Interview: Elke Kreil

Interview mit Maarten S. Sneijder, dem Ermittler bei Andreas Gruber

Romanfigur Maarten S. Sneijder im Interview

»Grundsätzlich kann ich nichts an Andreas Gruber leiden«

Maarten S. Sneijder ist polizeiliche Fallanalytiker, Entführungsspezialist und forensischer
Kripopsychologe beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Er ist 47 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Rotterdam in den Niederlanden. Wenn er nicht gerade im Auslandseinsatz ist, nimmt er an der Akademie für hoch begabten Nachwuchs junge Kolleginnen und Kollegen unter seine Fittiche. Er hat einen speziellen Ansatz, mit dem er seine Fälle löst: Da ist einerseits seine arrogante Art, mit der er seine Gesprächspartner vernichtet, andererseits sein Hang zu Drogen, der ihn in die kranke Psyche von Serientätern hinabsteigen lässt. Er leidet unter Cluster-Kopfschmerzen, akupunktiert sich selbst, hasst große Menschenmengen und gibt vor, keinen Führerschein zu besitzen, damit er von den Kollegen zu den Tatorten gefahren wird, während er auf dem Rücksitz mit seinem Smartphone spielt. Er trägt ausschließlich schwarze Designeranzüge, ist über einen Meter achtzig groß und hat enorm lange Arme. Bisher hat er in dem Thriller „Todesfrist“ ermittelt. Die Fortsetzung „Todesurteil“ ist für Ende 2014 geplant.

Die Luft ist stickig in dem kleinen Raum. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt direkt in sein Gesicht.

1. Lieber Maarten Sneijder, was können Sie uns zu …?
Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Es heißt Maarten S. Sneijder!

Danke, was können Sie uns zu …?
Entschuldigen Sie, dass ich Sie gleich noch einmal unterbreche. Meine Zeit ist knapp, und ich möchte vermeiden, dass Sie sie vergeuden. Sehen Sie diese drei Finger? Also stellen Sie ihre Fragen in drei knappen, präzisen Sätzen! Schaffen Sie das?

Ich werde es versuchen. Was können Sie uns zu Andreas Gruber sagen – was müssen wir wissen?
Sie müssen gar nichts über ihn wissen! Die Akte, die das Bundeskriminalamt in Wiesbaden über ihn hat, ist streng geheim. Das werden sogar Sie verstehen. Aber auf Grund diverser Abhöraktionen und Einvernahmen von Leuten, die ihn kennen, haben wir ein brisantes
Detail über ihn herausgefunden, das ich verraten kann: Bisher hat dieser Schmuddlschreiber mit seiner kranken Fantasie vier Kurzgeschichtenbände und sieben Romane zu Papier gebracht. Er arbeitet jetzt nur noch 15 Stunden pro Woche im Büro eines Pharmakonzerns –
den wir natürlich observieren – und er wird sich Ende 2014 als freier Autor selbständig machen. Aber keine Sorge, wir behalten ihn und seine Aktivitäten weiterhin im Auge.

2. Beneiden Sie Andreas Gruber um etwas? Oder schlimmer, gibt es etwas, was Sie an ihm gar nicht leiden können?
Beneiden? Ihn? Ich beneide bloß die Menschen, die das Glück haben, mit mir zusammenarbeiten zu dürfen. Grundsätzlich kann ich nichts an Andreas Gruber leiden. Er verschwendet seine Zeit, indem er Geschichten erfindet, meist über abartige Serienkiller und
unsympathische Profilersteller. Und nur weil er im Juni 2013 eine Recherchereise nach Deutschland unternommen hat und beim Polizeipräsidium Westhessen und beim Bundeskriminalamt Wiesbaden zu Besuch war und sich dort alles zeigen ließ, steigt er in meiner Achtung um keinen Millimeter. Er bleibt ein armseliger Schriftsteller, der keine Ahnung von unserem täglichen Job hat.

3. Das hört sich so an, als würde Andreas nicht ununterbrochen schreiben – was macht er denn sonst in seiner Freizeit?
Er liest viel – wahrscheinlich klaut er dort seine Ideen. Er geht oft ins Kino – vermutlich um auch dort Ideen zu klauen. Er hört gern Hörspiele – Sie können sich bestimmt denken, warum. Er singt in Karaoke-Bars – da er vermutlich kein anderes Publikum für seine
„Gesangskünste“ findet. Er hört Heavy Metal – schon allein das sagt ja alles über seine gestörte Psyche.

4. Ein Trittbrettfahrer? Welchem Vorbild eifert er nach? Ist das nur schriftstellerisch so, oder auch im »normalen« Leben?
Die Kollegen von der Kriminaltechnik, der forensischen Psychologie und dem graphologischen Institut haben herausgefunden, dass er sich am Stil von Dennis Lehane orientiert. Er dürfte auch die frühen Werke von David Morrell und Nelson DeMille gelesen haben. Und was den Horror-Aspekt in seinen Thrillern betrifft, den dürfte er von Stephen King, Richard Laymon und Shaun Hutson geklaut haben. Soviel zu seiner Eigenständigkeit!
Vorbilder im normalen Leben? Er behauptet zwar, dass er kritische Menschen mit Zivilcourage bewundert wie beispielsweise diesen Edward Snowden, aber mal ehrlich …
Snowden ist ein Verräter und gehört zum linken Gesindel, genauso wie Andreas Gruber.

5. Gibt es Rituale, die Andreas beim Schreiben anwendet?
Hängt er bestimmter ritualistischer Musik an, oder gibt es irgendwelche berauschende Nahrungsmittel, die stets griffbereit liegen müssen?
Ich selbst rauche Marihuana. Das ist in meinem Job absolut notwendig, wenn ich mich in die Psyche eines Killers hinein versetze. Und ich habe, nebenbei bemerkt, die höchste Aufklärungsrate verglichen mit der meiner Kollegen. Sehen Sie, durch das Marihuana kristallisiert sich manchmal ein winziges Detail mit all seinen Facetten übergroß heraus, das man sonst übersehen hätte.

Aber wir sprechen jetzt nicht über Sie, sondern über Andreas Gruber!
Bedauerlich! Aber keine Ahnung, was der nimmt. Vermutlich nascht er während des Schreibens Schokolade – sehen Sie sich mal seine Schwabbelfigur genau an!

6. Wie kam Andreas auf Ihre Spur?
Ich glaube, er war es einfach leid immer nur Romane über langweilige Kripoermittler zu schreiben. Er hat eine kontroverse Figur mit Ecken und Kanten gesucht. Jemand mit langjähriger Erfahrung, der seinen eigenen kompromisslosen Weg geht und sich weder von
Vorgesetzten noch von Kollegen in die Suppe spucken lässt. Und mal ehrlich, welcher Kotzbrocken wäre da besser geeignet als ich?

7. Wissen Sie, ob er sich seine Opfer immer auf dieselbe Weise aussucht? Wie entstehen seine Geschichten?
Unser Verhör mit ihm hat ergeben, dass er sich in seinen Romanen Schwerpunkte setzt und über Themen schreibt, die ihn angeblich faszinieren. In „Schwarze Dame“ schreibt er über zwei Serienkiller, in „Die Engelsmühle“ über zwei erwachsene weibliche eineiige Zwillinge, in „Rachesommer“ über Kindesmissbrauch, in „Todesfrist“ über eine missglückte Psychotherapie und in „Herzgrab“ über ein großes mysteriöses Ölgemälde.
Seine Romane spielen in Prag, Wien, Leipzig, Dresden, München, Hamburg, an der Nordsee oder in der Toskana, und seine Figuren sind mal ein Privatdetektiv, eine junge Anwältin, eine Psychotherapeutin oder ein pensionierter asthmakranker Kripoermittler.

8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Gespräch mit Ihnen, was macht Sie so besonders für Andreas Gruber?
Frech? Sie meinen allen Ernstes diese Frage sei frech? Ich sage Ihnen was: Frech wäre, diese Frage nicht gestellt zu haben! Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – aber man kann das nicht oft genug betonen – ich bin im Bundeskriminalamt Wiesbaden ein Unikat. Ich leite an der BKA-Akademie für hoch begabten Nachwuchs das Modul Profilerstellung und forensische Psychologie. Dort nehme ich die jungen Dreikäsehoch unter meine Fittiche. Und da gibt es ein besonderes Talent: nämlich die Münchnerin Sabine Nemez. Sie ist die Hoffnung der jungen, modernen Verbrechensbekämpfung … und ich hoffe, noch viele
weitere Fälle mit ihr lösen zu können. Aber sagen Sie ihr das bloß nicht!

9. Schauen wir uns doch einmal die Beweise an: Was wird Andreas wohl als Nächstes tun? Woran arbeitet er gerade? Wann werden wir neue Hinweise erhalten?
Wäre mal schlau von Ihnen gewesen, wenn Sie das selbst herausgefunden hätten, ohne mich fragen zu müssen. Aber ich will mal nicht so sein. Andreas Gruber hat zwar eine Webseite, die er wöchentlich updatet, aber er ist weder bei Facebook noch bei Twitter. Deswegen haben wir sein Haus verwanzt und hören sein Telefon ab, um an Informationen ranzukommen. Außerdem haben wir uns mit einem Bundestrojaner in seinen PC gehackt und können täglich mitlesen, was er schreibt.

Also: In seinem nächsten Roman, in dem ich wieder gemeinsam mit Sabine Nemez ermitteln
werde, entführt er seine bemitleidenswerten Leser nach Wiesbaden, Nürnberg und Wien.
Das Buch erscheint Ende 2014 und trägt den Titel „Todesurteil“. Aber wenn ich Ihnen jetzt schon verrate, worum es geht, müsste ich Sie anschließend für einige Monate in U-Haft nehmen.

Knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück…

Ein herzliches Dankeschön an Maarten Sneijder für die …
Maarten S. Sneijder!

10. Ein herzliches Dankeschön an Maarten S. Sneijder für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich dem Autor selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Maarten S. Sneijder gesagt wurde.
Godverdomme, Sie haben das Interview mit mir geführt, nicht mit Gruber. Was sollte der schon richtigstellen? Vermutlich würde er behaupten, dass ich ohne meine Kollegin SabineNemez nur halb so genial wäre, wie ich glaubte. Aber da irrt er sich.

Interview: Annika Dick.

Videos von Andreas Gruber

FAQ

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Meinen ersten Roman, einen Krimi, habe ich mit neun Jahren während der Sommerferien im Keller der Schrebergartenhütte meiner Eltern geschrieben. Mit einem Bleistift auf einem Notizblock. Er hieß „Moneten, Bier und heiße Bräute“. Aber nach drei Seiten waren alle Helden tot. Der Roman war zu Ende – und meine Schriftstellerkarriere ebenfalls. Zumindest vorübergehend.

Danach habe ich es mit neunzehn Jahren noch einmal mit Kurzgeschichten versucht, und schließlich 1996, mit achtundzwanzig Jahren, ein weiteres Mal. Damals gelangen mir die ersten Veröffentlichungen in Magazinen und Anthologien. Seither schreibe ich.

Können Sie vom Schreiben leben?

Mittlerweile schon. Nach vier Kurzgeschichtenbänden und sieben Romanen habe ich 2014 meinen Teilzeitjob im Büro einer Pharmafirma an den Nagel gehängt und bin seither freier Autor.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Diese Frage wird mir am häufigsten gestellt, und sie ist zugleich am schwersten zu beantworten. Viele Ideen kommen mir während ich mit mp3-Player, Kopfhöreren und Nordic Walking Stöcken durch den Wald spaziere. Zweimal pro Woche, und dabei läuft ein Hörspiel. Ich nenne es Creative Walking. Und im Urlaub, wenn ich komplett abschalte, kommen auch regelmäßig neue Ideen hoch. Diese sammle ich in einer Datei, die mittlerweile schon ziemlich groß geworden ist.

 

Wie entstehen Ihre Romane?

Kommt die Anfrage vom Verlag, ich möge für ein neues Romanprojekt eine Inhaltsangabe – ein so genanntes Exposé –, in 3 knappen Seiten vorschlagen, so schicke ich meistens 20 Seiten.

Davor durchforste ich meine Datei, in der ich im Lauf der Jahre sämtliche Ideen gesammelt habe, picke mir das Interessanteste heraus, worüber ich am liebsten schreiben würde und was mir am Spannendsten erscheint, und beginne mit dem Rohgerüst der Handlung.

Danach entwickle ich die Charaktere, mache die Recherchen, bespreche die Handlung mit meinen Testlesern, und langsam beginnt das Skelett des so genannten Plots Fett anzusetzen.

Wissen Sie schon zu Beginn des Schreibens, wer der Mörder ist?

Ja, das muss ich wissen! Anders ließen sich die Handlung, der Zeitrahmen der Geschichte, die Motivation der Figuren, die Hinweise, die richtigen und falschen Spuren gar nicht plausibel entwickeln und aufeinander aufbauen.

Ich mag es nicht, am Ende noch etwas aus dem Hut zaubern zu müssen – darum liebe ich die alte Schreibweisheit: Was später geerntet wird, muss vorher im Roman gut versteckt werden.

Wie verläuft Ihr Arbeitstag?

Unspektakulär. Um 7 Uhr sitze ich am PC, lese den Text vom Vortag und schreibe anschließend weiter. Dazwischen Webseite updaten, auf Facebook posten, E-Mails beantworten. Vor dem eher späten Mittagessen ein wenig Sport, danach wird bis 19 Uhr weitergearbeitet.

Haben Sie das Schreiben „gelernt“?

Ja, seufz, und es war ein langer und harter Weg. Aber es hat jeden Tag Spaß gemacht. Ich war Mitglied in Autorengruppen, wo man sich gegenseitig die eigenen Texte lektoriert, habe Workshops an der Akademie in Wolfenbüttel besucht, u.a. auch bei Andreas Eschbach, Klaus Frick, Michael Thurner und Leo Lukas, und ich lese immer noch regelmäßig Creative Writing Bücher. Mindestens zwei pro Jahr – denn das Lernen hört nie auf, und es gibt immer wieder neue schriftstellerische Tricks zu entdecken, die ich dann in meinen Büchern verwende.

Welche Schreibbücher können Sie Newcomern empfehlen?

Ludwig Reiners „Stilkunst“ und Wolf Schneiders „Deutsch fürs Leben“ sind meiner Meinung nach immer noch die besten Bücher über guten Schreibstil. Und was die Erzählkunst betrifft, Plot, Charaktere, Dialoge und Spannungsaufbau, kann ich Bücher von James N. Frey, Sol Stein, Christopher Vogler, Albert Zuckerman, Stephan Waldscheidt und Sylvia Englert empfehlen.

Darf ich Ihnen ein Manuskript schicken und Sie um Ihre Meinung fragen?

Früher habe ich mir gern die paar Stunden dafür genommen, doch mittlerweile fehlt mir leider die Zeit dafür, da die Abgabetermine für meine Manuskripte immer enger getaktet werden und ich immer länger auf Lesereisen bin. Lesen Sie doch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey oder „3 Seiten für ein Exposé“ von Hans Peter Roentgen. Das hilft! Ich verspreche es Ihnen.

Liest Ihre Bücher jemand, bevor Sie das Manuskript an den Verlag schicken?

Ja, mehrere Personen sogar. Viele, um ehrlich zu sein! Ich habe mir das amerikanische Konzept des Wise Readers zunutze gemacht und weiterentwickelt. Mittlerweile habe ich bis zu fünfzehn Testleser pro Roman. Das sind meine Frau, Freunde, Verwandte, Autorenkollegen und sogar mein ehemaliger Chef im Büro, die allesamt in der Danksagung erwähnt sind. Sie bekommen das Manuskript in den unterschiedlichen Stadien und Rohfassungen zu lesen, ich arbeite ihr Feedback ein und danach bekommt es die nächste Riege Testleser zum lesen. Sie achten auf alles: Spannung, Plausibilität, Dialoge, Originalität und die Motivation der Charaktere. Ihnen schulde ich so viel, darum lade ich sie jedes Jahr zu einer Feier ein, um mich bei ihnen für die Zusammenarbeit an dem neuen Buch zu bedanken. Die findet auf der Guglzipf Waldhütte in Berndorf statt – bei nebeliger Agatha-Christie-Atmosphäre –, und es gibt immer einen anderen Überraschungsgast, der für die entsprechende Unterhaltung sorgt.

Wie recherchieren Sie?

Früher, als ich 1996 meine ersten Kurzgeschichten geschrieben habe, wagte ich nicht, bei Kripoermittlern, Ärzten, Psychotherapeuten Staatsanwälten oder Rechtsmedizinern nachzufragen. Ich hatte Scheu zu sagen: „Ich bin Autor und wollte bloß wissen, ob das so geht …“

Ich hatte Angst vor Abfuhren. Doch im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass die meisten Fachleute sehr auskunftsfreudig sind, sich meine Romanideen gern anhören und sogar äußerst aktiv und kreativ an Lösungsvorschlägen mitarbeiten.

Mittlerweile begleitet mich seit vielen Jahren eine Gruppe von Experten, die ich jederzeit anmailen darf. In den Danksagungen der Bücher sind sie erwähnt.
Aber seien Sie gewarnt: Sollten Sie mich anmailen und mich auf einen Fehler in meinem Roman aufmerksam machen, kann es sein, dass ich Ihnen einige Kapitel des aktuellen Manuskripts zum Testlesen schicke, um Ihre Meinung zu erfragen.

Verschicken Sie signierte Bücher?

Nein, leider nicht. Ich verkaufe keine Bücher, außerdem sind die Portokosten für den Versand eines Buches von Österreich nach Deutschland viel zu hoch, das kann ich niemandem zumuten. Autogramme verschicke ich allerdings gern, und signierte Bücher können Sie im Anschluss an jede Lesung ergattern.

Kommen Sie mal zu einer Lesung in unseren Ort?

Sehr gern, allerdings müssten mich eine Bibliothek, Buchhandlung oder die Veranstalter eines Literaturfestivals einladen und für eine Lesung buchen. Anfragen bitte unter „Kontakt“ an den Goldmann-Verlag richten, die Damen leiten es dann gern an mich weiter und die Lesereise wird dann durch Ihren Ort führen.

Warum gibt es manche Bücher von Ihnen nur als E-Book?

Diese Bücher gab es mal als Hardcover oder Quality-Paperback, doch mittlerweile sind sie in diesen Verlagen vergriffen. Der Goldmann-Verlag und Hockebooks haben sie allerdings als E-Book neu aufgelegt, damit sie zumindest elektronisch gelesen werden können. Mittlerweile gibt es diese E-Books aber auch als Hörbücher. Wer allerdings die alten Printausgaben sucht, der muss sein Glück bei Online-Antiquariaten versuchen.

Wird es eine Fortsetzung der Peter Hogart-Thriller geben?

Die Idee für einen dritten Teil liegt in der Schublade, aber bis jetzt gibt es noch keinen Vertrag dafür.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

O Gott, ich lese so viel, dass ich die Antwort nach Genres unterteilen muss.
Horror: Dean R. Koontz, Richard Laymon, Joe R. Lansdale, Tim Curran

Thriller und Krimis: David Morrell, Jon Land, Nelson DeMille, Jean-Christophe Grangé, Dennis Lehane, Matthew Reilly, Charlotte Link, Douglas Preston & Lincoln Child

Science Fiction: Mark Brandis, Ben Bova, Douglas Adams, James P. Hogan, Philip K. Dick, William Tenn, Robert Sheckley

Western: G. F. Unger

Kinder- und Jugendliteratur: A. A. Milne, Sid Fleischman, Erich Kästner, Käthe Recheis, André Marx, Marlen Haushofer

Klassiker: John Steinbeck, Ernest Hemingway, Kurt Vonnegut, Jack London, George Orwell, Charles Bukowski

Hier finden Sie übrigens eine Liste meiner Lieblingsbücher

Hören Sie beim Schreiben Musik?

Nein, aber beim Autofahren höre ich in meinem „Metal-Mobil“, wie ich es nenne, Hard Rock und Heavy Metal.

Hier finden Sie eine Liste meiner Lieblingsalben

Was sind Ihre Lieblingsfilme?

Ich mag die alten s/w Horrorfilm-Klassiker, die Karl May- und Edgar Wallace-Verfilmungen und die Italo-Western der 70er Jahre.

Außerdem liebe ich die so genannten Autorenfilme, wie beispielsweise die Filme von Billy Wilder, Roman Polanski, Woody Allen, Sidney Lumet, Neil Simon, David Lynch, Terry Gilliam, Aki Kaurismäki, David Cronenberg, John Carpenter, Lars von Trier, Brian De Palma, Quentin Tarantino, Luc Besson, Alex de la Iglesia, Jean-Pierre Jeunet, Guy Ritchie und den Coen Brüdern.

Meine Lieblingsschauspieler sind Stan Laurel & Oliver Hardy, Cary Grant, Louis de Funès, Woody Allen, Mel Brooks, Steve Martin, Eddie Murphy, Michael Caine, Sandra Bullock und Matthias Schweighöfer.

Hier finden Sie eine Liste meiner Lieblingsfilme

Werden Sie einmal einen Liebesroman schreiben?

Ganz sicher nicht.

Wie wählen Sie die Schauplätze Ihrer Romane aus?

Es müssen interessante Locations mit einzigartigem Flair sein, am besten mit Häfen, Brücken, alten Gebäuden oder faszinierender geografischer Lage, die gut zur Handlung und zu den Charakteren passen – am besten im gesamten deutschsprachigen Raum und dessen näheren Umgebung, damit sie von den Figuren rasch erreicht werden können. Oft lasse ich mich auch von persönlichen Vorlieben und Interessen leiten.
Falls es jedoch einen Ort nicht geben sollte, wie die Gefängnisinsel Ostheversand in der Ostsee für „Todesmärchen“, muss ich ihn erfinden.

Recherchieren Sie immer vor Ort?

So oft wie möglich. Entweder fahre ich direkt zu den Orten hin, um zu prüfen, wie ich die Location in die Handlung einbauen kann, oder ich verwende bereits von mir besuchte Orte. Da ich durch meine Lesereisen viel und weit herumkomme, nutze ich oft die Chance für meine Motivsuche.

Wird es mal ein Crossover zwischen der Sneijder-Reihe und der Pulaski-Serie geben?

Das ist eine interessante Idee. Aber dazu müssen sich die beiden Serien noch ein wenig weiterentwickeln, damit ein Crossover auch wirklich interessant wird. Die Frage ist bloß, wer wird dann der Haupt-Ermittler sein und wer die zweite Geige spielen? Maarten S. Sneijders Antwort darauf kann ich mir schon denken.

Die FAQ werden laufend aktualisiert.
Falls sie weitere Fragen haben sollten, schicken Sie diese bitte an: angru99@aon.at